EAls Spike Jonze 2013 in „Her“ die Geschichte eines Mannes erzählte, der sich in ein Betriebssystem mit Namen „Samantha“ verliebt, wirkte das Ganze noch wie eine ziemlich elegante, aber letztlich doch eine Zukunftsfantasie, die noch weit war.  Ein Voice-Over mit Persönlichkeit, eine Software, die zuhört, versteht, nachfragt, tröstet – und dann auch noch mit der Stimme von Scarlett Johansson: Das war Kino, nicht Alltag.

Zwölf Jahre später verlieben sich Menschen in Chatbots, lassen sich von digitalen Assistent*innen durch ihren Tag moderieren – und Scarlett Johansson drohte 2024 den OpenAI-Chef Sam Altman zu verklagen, weil jener einen „persönlichen Assistenten“ auf den Markt bringt, dessen Stimme für viele irritierend nah an „Samantha“ aus „Her“ klingt.

Auch wenn wir noch immer vergeblich auf die versprochenen Hoverboards aus „Zurück in die Zukunft II“ warten: 

Viele große Science-Fiction-Erzählungen haben unsere Gegenwart nicht nur teilweise richtig vorhergesagt, sie haben sie aktiv mitgestaltet. Science-Fiction und Popkultur waren immer so etwas wie Beta-Versionen der Zukunft; halb Warnschild, halb Werbung. Bevor Forschungsabteilungen neuronale Netze trainierten, hatten Drehbuchautor*innen, Comic-Zeichner*innen und Popmusiker*innen längst durchgespielt, wie es wäre, wenn Maschinen mitsprechen, mitfühlen, mitbestimmen.

In diesen Geschichten tritt „Künstliche Intelligenz“ fast nie als trockene Infrastruktur auf, sondern als Figur: als dystopische Superintelligenz (HAL 9000 oder Terminator), als melancholische Maschine auf Sinnsuche (von Roy Batty aus „Blade Runner“ bis Datas „Star Trek“ zu Motoko Kusanagi in „Ghost in the Shell“), als bester Freund im Taschenformat oder eben als Stimme im Ohr, die uns besser versteht als jeder Mensch. Popkultur hat KI personalisiert, vermenschlicht – ihr ein Gesicht, vor allem aber eine Stimme gegeben.

Und weil Pop selten bei reiner Theorie stehen bleibt, hat er diese Fiktionen früh in Sounds, Bilder und Performances übersetzt. Vom Vocoder der 70er über Auto-Tune, von Kraftwerks „Die Mensch-Maschine“ bis zu Janelle Monáes Androiden-Alter-Ego, von Daft Punks roboterhaften Helmen bis zu Vocaloids wie Hatsune Miku: Popmusik hat schon lange mit der Idee gespielt, dass Stimme und Identität etwas sind, das man programmieren, morphen, vervielfältigen kann. Lange bevor Sprachmodelle Texte ausspuckten, hatten wir Popstars, die sich selbst als Software inszenierten.

Die Gegenwart fühlt sich deshalb manchmal weniger an wie ein plötzlicher technischer Sprung, sondern eher wie ein großes Déjà-vu. Motive, die wir aus Filmen und Konzeptalben kennen, tauchen als Alltagssoftware in unseren Browsern wieder auf.

Für die Popkultur – und speziell für alle, die Popkultur  produzieren aber auch kreativwirtschaftlich arbeiten – ist das eine ambivalente Situation. Auf der einen Seite wird ein großer Teil der kreativen Arbeit entmystifiziert und automatisiert. Auf der anderen Seite verschiebt sich der Ort des „Eigentlichen“. Für uns als Pop-Büro bedeutet das auch: Wir bewegen uns in einem Feld, in dem „Infrastruktur“ plötzlich nicht nur Proberäume, Bühnen und Förderinstrumente meint, sondern auch Wissensräume. Es geht darum, Orte zu schaffen, in denen Künstler*innen und Akteur*innen ausprobieren können, was diese neuen Tools für ihre Praxis bedeuten – Orte, an denen man ganz praktisch testen kann, wie sich KI kreativ nutzen lässt, ohne die eigene Handschrift zu verlieren.

Somit war 2025 auch ein Jahr, in dem wir als popkulturelle Infrastruktur lernen, mit einer Technologie zu arbeiten, die auf eine seltsame Weise „von uns“ erfunden wurde. Wenn wir heute behaupten: Popkultur hat die Künstliche Intelligenz erfunden, dann heißt das vor allem: Sie war der Träger dieser Idee und hat uns beigebracht, wie sich KI anfühlen soll.

Die eigentliche Frage ist deshalb weniger: Was kann diese Technologie? Sondern: Was wollen wir mit ihr anfangen? 

Diese werden in Szenen, Netzwerken und Institutionen verhandelt – auch hier, vor Ort, in Stuttgart und der Region, im Pop-Büro Region Stuttgart. In Workshops, Panels und Projekten, in denen sich Popkultur und KI nicht nur begegnen, sondern gegenseitig irritieren dürfen. Vielleicht hat die Popkultur die KI erfunden. Wie wir weiter mit ihr leben, arbeiten und spielen wollen, müssen wir jetzt gemeinsam schreiben.

Hier geht es zum ganzen Jahrbuch mit allen Projekten, Kooperationen & mehr aus dem Jahr 2025 als PDF: